Nicht jede Fettsäure wirkt gleich
Marcus Kelm und Kolleg:innen untersuchen mithilfe von Machine Learning den Zusammenhang zwischen mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Vorhofflimmern und atrialer Kardiomyopathie

Welche Rolle spielen mehrfach ungesättigte Fettsäuren für die Entstehung und das Auftreten von Vorhofflimmern? Dieser Frage sind Dr. Marcus Kelm (Leitung Angewandte Systemmedizin am ICM) und weitere Kolleg:innen des ICM in einer aktuellen Publikation nachgegangen. Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen zirkulierenden mehrfach ungesättigten Fettsäuren (PUFA, polyunsaturated fatty acids) und Vorhofflimmern sowie atrialer Kardiomyopathie. Unterstützt wurde Marcus Kelm dabei von Prof.Titus Kühne (Leiter des ICM) und Jakob Versnjak (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ICM).
Für ihre Analyse werteten die Forschenden Daten von 483.372 Teilnehmer der UK Biobank aus. Mithilfe von Kernspinresonanz-Metabolomik (NMR) untersuchten sie die Konzentrationen verschiedener zirkulierender mehrfach ungesättigter Fettsäuren und setzten diese sowohl mit bereits bestehendem Vorhofflimmern als auch mit neu auftretenden Erkrankungen in Beziehung. Ein Machine-Learning-gestützter Ansatz unterstützte dabei die strukturelle Modellierung der Zusammenhänge.
Omega-3 und Omega-6: nicht einfach nur „gut“ oder „schlecht“
Mehrfach ungesättigte Fettsäuren gelten aufgrund ihrer vielfältigen biologischen Wirkungen grundsätzlich als schützend für das Herz. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass bestimmte Fettsäuren beziehungsweise ihre Konzentrationen auch mit einem erhöhten Risiko für Herzrhythmusstörungen in Verbindung stehen können. Das ist insbesondere für Patient:innen mit Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) oder atrialer Kardiomyopathie von Bedeutung.
Die Ergebnisse der aktuellen Analyse zeigen ein differenziertes Bild: Die Konzentrationen zirkulierender mehrfach ungesättigter Fettsäuren waren bei Menschen mit Vorhofflimmern, atrialer Kardiomyopathie und HFpEF niedriger als bei Personen ohne diese Erkrankungen. Dies zeigte sich insbesondere bei Teilnehmenden, die cholesterinsenkende Medikamente einnahmen.
Nach Berücksichtigung etablierter Risikofaktoren waren höhere Konzentrationen von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren mit einer geringeren Häufigkeit von Vorhofflimmern verbunden. Für Docosahexaensäure (DHA), eine Omega-3-Fettsäure, zeigte sich dagegen ein differenzierter Zusammenhang: Höhere DHA-Konzentrationen im Blut waren insbesondere bei Männern mit einem erhöhten Risiko für ein neu auftretendes Vorhofflimmern assoziiert.
Auch die Einnahme von PUFA-Supplementen wurde untersucht. Bei Patient:innen mit HFpEF war die Supplementierung mit einem leicht niedrigeren Risiko für bereits bestehendes Vorhofflimmern verbunden. Ein Zusammenhang mit dem Neuauftreten von Vorhofflimmern ließ sich dagegen nicht feststellen.
Präparatezusammensetzung könnte eine Rolle spielen
Die Ergebnisse unterstreichen, dass bei der Bewertung mehrfach ungesättigter Fettsäuren nicht nur die Gesamtmenge, sondern auch die Zusammensetzung der jeweiligen Präparate berücksichtigt werden sollte. Insbesondere das mögliche arrhythmogene Potenzial von Präparaten, die den DHA-Spiegel im Blut deutlich erhöhen, sollte nach Ansicht der Autor weiter untersucht werden.
Die Studie liefert damit neue Hinweise auf die komplexen Zusammenhänge zwischen Fettsäurestoffwechsel, Vorhofflimmern und atrialer Kardiomyopathie. Weitere Untersuchungen sind notwendig, um die beobachteten Zusammenhänge besser zu verstehen und ihre Bedeutung für die Prävention und Behandlung von Vorhofflimmern einzuordnen.
Publikation:
Versnjak J, Trimarchi G, Foryst-Ludwig A, Wild B, Kuehne K, Schiattarella GG, Gotthardt M, Eils R, Kuehne T, Kintscher U, Kelm M. The Role of Circulating Polyunsaturated Fatty Acids in Atrial Fibrillation and Atrial Cardiomyopathy: A Machine Learning-Informed Structural Modelling Approach. European Journal of Heart Failure. 2026 Jul 28. doi: 10.1093/ejhf/xuag238.
Kurzzusammenfassung
Neben ihren kardioprotektiven Effekten wurden mehrfach ungesättigte Fettsäuren auch mit arrhythmogenen Wirkungen in Verbindung gebracht, was Bedenken bei Risikogruppen aufwirft, z. B. bei Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) oder atrialer Kardiomyopathie.
In einer Analyse von 483.372 Teilnehmenden der UK Biobank mittels Kernspinresonanz-Metabolomik (NMR) wurde die Assoziation zwischen zirkulierenden mehrfach ungesättigten Fettsäuren und deren Supplementierung mit der Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) und Neuauftretensrate (Inzidenz) von Vorhofflimmern untersucht.
Im Blut zirkulierende mehrfach ungesättigte Fettsäuren waren bei Teilnehmenden mit Vorhofflimmern, atrialer Kardiomyopathie sowie HFpEF erniedrigt, insbesondere unter cholesterinsenkender Medikation.
Nach Adjustierung für etablierte Risikofaktoren standen höhere Omega-3- und Omega-6-Fettsäure-Konzentrationen sogar mit einer geringeren Krankheitshäufigkeit von Vorhofflimmern in Verbindung, während erhöhte Docosahexaensäure (DHA, eine Omega-3-Komponente)-Konzentrationen vorwiegend bei Männern mit einer erhöhten Vorhofflimmer-Inzidenz assoziiert waren. Die PUFA-Supplementation zeigte ein leicht reduziertes Risiko für prävalentes Vorhofflimmern ohne Assoziation mit dem Neuaftreten bei Patientinnen und Patienten mit HFpEF.
Auch die Präparatezusammenstellung verdient in diesem Kontext eine gesonderte Berücksichtigung. Das arrhythmogene Potenzial von Präparaten, die den DHA-Spiegel im Plasma deutlich erhöhen, bedarf weiterer Beachtung.